• WORKS
  • IN SPACE
  • JOURNAL
  • ABOUT

NATHALIE BISSIG

  • WORKS
  • IN SPACE
  • JOURNAL
  • ABOUT

ANNOUNCEMENT KUNSTBULLETIN

near.prize: Mit Nathalie Bissig das Flüstern lernen 
by Joëlle Bischof

Nicht alles lässt sich horten wie Kunstwerke oder Bücher. Manche Geschichten werden weitergereicht, von Mensch zu Mensch und von Generation zu Generation. Wie kleine Geheimnisse leben sie durch jene weiter, die sie flüstern, bis sie sich mit der Zeit zu Mythen und Sagen verdichten. Im Kanton Uri gibt es davon zur Genüge, von der Teufelsbrücke bis zum Bannwald. Aus Uri kommt auch Nathalie Bissig, die inzwischen wieder dort wohnt und dieses Jahr den near.prize gewonnen hat.

Hinter der Auszeichnung steht near., der 2009 in Lausanne gegründete Verein für zeitgenössische Fotografie. Heute zählt er rund 140 Mitglieder aus allen Landesteilen. Er macht etablierte wie junge Positionen sichtbar, sorgt für Austausch zwischen den Sprachregionen und bringt Fachleute aus Kunstgeschichte, Kritik, Kuratorium, Journalismus und Verlagswesen mit den Fotograf:innen an einen Tisch. Im Vorstand sitzt auch Anna Konstantinova. Dass im Verein viel unbezahlte Arbeit steckt, räumt sie ein, doch es mache ihr schlicht Freude, in der Community etwas auf die Beine zu stellen. Eines der wichtigsten Förderinstrumente ist der jährlich vergebene Preis für die Mitglieder. Die Gewinner:innen früherer Ausgaben durften etwa an den Bieler Fototagen, dem Fotofestival Lenzburg oder dem Verzasca Foto Festival ihre Arbeiten zeigen. 

Dieses Mal geht es nach Zürich, wo Bissig zwanzig Jahre gelebt hat und, wie sie sagt, in der Kunstwelt nie richtig angekommen ist. Umso schöner, dass ihre erste Soloschau hier in Zürich nun bei der Edition & Galerie Stephan Witschi stattfindet. Es ist zugleich das erste Mal, dass der near.prize in einem kommerziellen Raum zu sehen ist. Von den rund 140 Mitgliedern reichten 25 eine Serie von sieben bis fünfzehn Bildern ein. Die Jury bestand aus Stephan Witschi und Barbara Liebster von der Galerie sowie dem near.-Vorstand mit einer gemeinsamen Stimme. Sie entschied sich für Bissig. 

Ausgezeichnet wurde die Werkserie The Wolves aus dem Langzeitprojekt Thunder, zu dem auch eine gleichnamige Publikation erschienen ist. Der Wolf steht dabei weniger im Zentrum, als der Titel vermuten lässt. Es geht um das Gefühl, das man ihm gegenüber hegt, seit er in den letzten Jahren wieder vermehrt Einzug in die Schweiz findet. Bissig will keine einzelnen Geschichten illustrieren. Sie fragt, wie diese weitererzählt und in den Alltag eingewoben werden und wie Menschen mit der Angst vor dem Wolf umgehen. Schnell landen wir im Gespräch bei der «fünften Jahreszeit», denn auch Uri hat seine Fasnacht. «Die ist auf ihre Art und Weise anarchisch und ultra-trashig, aber darum umso witziger», meint Bissig. Sie erzählt von einem Maskenball mit grässlicher Musik, an dem ein Mann den ganzen Abend lang einen selbstgebastelten Baumstamm durch die Gegend trug. Man könnte darüber lächeln, Bissig aber hält solche Momente mit ihrer ganz eigenen Komik fest. Die Jury lobte genau das: die tiefe Verankerung in der Urner Gemeinschaft und eine Bildsprache, die nie bieder wird, sondern Witz behält.

In der Galerie hängen kleinformatige Schwarz-Weiss-Bilder von Alpenmassiven und maskierten Figuren, dazu Zeichnungen von Schmetterlingen oder Baumkronen, die sich wie Dominosteine zu immer neuen Geschichten aneinanderfügen. Bissig geht es nicht darum, etwas zu erklären. Ob leise, von Ohr zu Ohr, oder laut, wie an der Fasnacht: Ihre Bilder lassen offen, wie die Geschichte weitergeht. «Statt Bedeutung vorzugeben, sollen die Bilder Türen sein zu den Geschichten, die die Leute in sich tragen», sagt sie.

Saturday 11.07.26
Posted by Nathalie Bissig
Newer / Older

Contact: bissig@bissig.cc / 0041 (+)78 611 08 62